GESCHICHTLICHES

Kaiserreich      Weimarer Zeit      Drittes Reich      Nachkriegszeit

"Dem Beamtenstande und der Allgemeinheit"
Der Beamten-Wohnungsbauverein stellt unter den Solinger Genossenschaften
nach seiner Gründungsgeschichte eine Besonderheit dar.
Er wird 1912 ausschließlich zur Wohnungsversorgung von Beamten gegründet.
Zu dieser Zeit entstehen in Deutschland zahlreiche Baugenossenschaften,
die bestimmten Berufsgruppen vorbehalten sind. Handwerker, Eisenbahner
oder Beamte unterhalten eigene Bauvereine.
Der Solinger Beamten-Wohnungsbauverein öffnet sich im weiteren Verlauf
seiner Geschichte auch den übrigen Berufsgruppen der Gesellschaft.
Die Mitgliedschaft im Verein steht heute jedermann offen.

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Die Gründung der Genossenschaft im Kaiserreich
Bereits im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts erkennen preußischer Staat und
staatliche Eisenbahnverwaltungen die Möglichkeit, Baugenossenschatten zur
Wohnungsversorgung von Beamten und staatlichen Arbeitern zu nutzen.
Die Beamten werden aufgefordert, eigene Bauvereine zu gründen, an die zum
Zwecke des Wohnungsbaus günstige Darlehen vergeben werden. Im Jahre
1901 wird die öffentliche Förderung des Wohnungsbaus für Beamte und Arbeiter
der Staatsbetriebe in Preußen als Staatsaufgabe anerkannt. Die im Kaiserreich
entstehenden Siedlungen unterscheiden sich in Architektur und wohnkultureller
Ausstattung meist deutlich von den einfachen Bauten der Arbeitergenossenschaften.

Die fünf Solinger Stadtgemeinden sind vor dem Ersten Weltkrieg die weltgrößten
Exporteure von Schneidwaren. Die Bevölkerung Alt-Solingens, 1890 noch 36.000
Personen, hat sich 1910 nach Jahren stürmischen Wachstums auf einem Stand
von 50.000 Menschen eingependelt. Seit den 1890er Jahren existieren in der
Stadt mit dem Gemeinnützigen Bauverein und dem Spar- und Bauverein
Solingen zwei gemeinnützige Wohnungsbauunternehmen, denen es zusammen
mit der privaten Bauwirtschaft bis 1910 jedoch nicht gelungen ist, den großen
Bedarf an Wohnungen auch nur annähernd zu decken. Vor allem für die unteren
Bevölkerungsschichten herrschen auf dem Wohnungsmarkt teilweise katastrophale
Zustände. Auch die niederen und mittleren Beamten sind von der Wohnungsnot
betroffen. Manfred Müller, auf dessen grundlegende Arbeit aus dem Jahre 1987
sich die vorliegende Dokumentation stützt, vermutet wohl zu Recht, daß trotz des
schmalen Gehaltes ein ausgeprägtes Standesdenken den Beitritt der Beamten
zu den bestehenden Baugenossenschaften verhindert.
Wiederholt wird in Solingen die Gründung eines eigenen Beamtenbauvereins
öffentlich diskutiert. Als am 29. Juni 1912 eine Annonce in der Solinger Zeitung
zur Gründung eines Beamten-Wohnungsbauvereins für den 2. Juli aufruft,
sind die Vorarbeiten bereits weit gediehen. Ein provisorischer Vorstand
ist gefunden, und der Verein zählt schon vor der eigentlichen Gründung
120 Mitglieder (Solinger Zeitung v. 03.07.1912). Mehr ...


Die erfolgreichen Weimarer Jahre
Mit der Ausrufung der ersten deutschen Republik wird auch für Alt-Solingen ein
tiefgreifender politischer Wandel eingeleitet. In den Kommunalwahlen von 1919
und 1929 ergeben sich starke linke Mehrheiten, USPD und später KPD werden zur
jeweils stärksten Partei. Die im „Bürgerblock" zusammengeschlossenen rechten
Parteien können allein in den Wahlen von 1924 den Sieg davontragen.
Die wirtschaftliche Lage gestaltet sich in den Nachkriegsjahren äußerst schwierig.
Reichsweit fehlen mehr als zwei Millionen Wohnungen.
Angesichts der katastrophalen Situation auf dem Wohnungsmarkt entschließen
sich Staat, Länder und Gemeinden erstmals zur Intervention.
Baukostenzuschüsse und später die Erträge der eigens eingeführten Hauszinssteuer
werden dem Wohnungsbau zur Verfügung gestellt.
Solingen gehört in Deutschland bald zu den im Wohnungsbau führenden Gemeinden.
Vor allem die gemeinnützigen Unternehmen werden massiv unterstutzt, wobei dem
Spar- und Bauverein Solingen und dem Beamten-Wohnungsbauverein im
Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl Mittel zur Verfügung gestellt werden.
Hermann Meyer, der Geschäftsführer des Spar- und Bauvereins, beziffert 1927
die finanziellen Aufwendungen der Stadt für den Wohnungsbau allein für die Zeit
von 1924 bis 1926 auf über 4 Millionen RM. Neben finanziellen Leistungen stellt
die Kommune jedoch auch billiges Bauland zur Verfügung. Städtische Dienst-
leistungen, wie der Anschluß von Häusern an die Kanalisation und die
Bereitstellung von Hausanschlüssen für Gas, Wasser und Elektrizität, werden
darüber hinaus verbilligt oder sogar kostenlos gewährt. Für den Beamten-
Wohnungsbauverein sind die Weimarer Jahre eine Zeit kontinuierlicher
Fortentwicklung. Von 1921 bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise gelingt es der
Genossenschaft, ein enormes Bauprogramm zu verwirklichen.
Selbst in den lnflationsjahren entstehen zahlreiche Häuser des Vereins. Mehr ...

Der Beamten- Wohnungsbauverein im „Dritten Reich"
Im Zuge der nationalsozialistischen „Machtergreifung" wird im Juni 1933 auch der
Beamten-Wohnungsbauverein „gleichgeschaltet". Im Vergleich zu anderen
Bauvereinen kommt es jedoch hier nicht zu einer kompletten Neubesetzung
der Organe. Das Solinger Tageblatt schreibt am 15.6.1933: „Der Beamten-
Wohnungsbauverein hielt am 13. Juni eine außerordentliche Generalversammlung
ab, in der die Gleichschaltung vorgenommen wurde, für den erkrankten 1.
Vorsitzenden, Beigeordneten Schmidhäußler, leitete sein Stellvertreter,
Stadtverordneter Nickau, die etwa zehn Minuten dauernde Versammlung."
Wichtigstes Ergebnis der Versammlung ist danach die Verkleinerung von
Vorstand und Aufsichtsrat auf drei beziehungsweise neun Mitglieder unter
dem Vorsitz des Beigeordneten Hermann Schmidhäußler bilden der NSDAP-
Stadtverordnete Hermann Nickau, der Lehrer Willi Leven, ein Herr Löhr, der
Eisenbahnsekretär Richard Koch, der Finanz-Oberinspektor Schäfer, der
Katasterinspektor Ernst Flamme und der Stadtsekretär Heinrich Röhrig den
neuen Aufsichtsrat. Da der Aufsichtsratsvorsitzende Schmidhäußler von den
Nationalsozialisten aus seinem städtischen Amt vertrieben wird und in seine
württembergische Heimat flieht, steht er dem Verein allerdings nicht mehr
zur Verfügung.
Im Vorstand ergeben sich durch Gleichschaltung zunächst keine Veränderungen.
Auf der Versammlung werden die bisherigen Vorstandsmitglieder Oberpostsekretär
Hermann Huckenbeck, Postinspektor Otto Hombach und Reichsbahninspektor
Adam Leidich neu bestellt. Mitte der 30er Jahre gelangen dann mit dem
Kaufmann Ewald Hochholz und dem Stadtbaumeister Wilhelm Hütsch zwei für
die weitere Zukunft des Vereins maßgebliche Persönlichkeiten in den Vorstand.
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Die Jahre 1945-1996
Nach der deutschen Kapitulation und dem Untergang des „Dritten Reiches"
kommt es auch in den Organen des Beamten-Wohnungsbauvereins zu
personellen Umbesetzungen. Im Protokollbuch des Vereins heißt es unter
dem Eintrag zur Generalversammlung vom 26. Juli 1947: „Infolge der von der
Militärbehörde angeordneten Bereinigung der Verwaltungsorgane wurde folgenden
Herren des Aufsichtsrates nahe gelegt, ihre Ämter niederzulegen: (Wilhelm) Esser,
(Heinrich) Klöckner, (Ernst) Flamme, (Karl) Wieding und (Heinrich) Hundertmark."
Zu diesem Zeitpunkt liegen die Rücktritte der politisch belasteten Mitglieder
bereits über ein Jahr zurück. Mit Eugen Würtz, dem Werkmeister Walter Peiseler,
dem Versandleiter Karl Schnittert und einem Herrn Hofacker sind schon auf der
gemeinsamen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat vom 16. Juni 1946 vier neue
Mitglieder in den Aufsichtsrat gewählt worden. Während Willi Leven auch weiterhin
dem Aufsichtsrat vorsteht, bilden Hermann Huckenbeck und Wilhelm Hütsch nun
zusammen mit dem Kaufmann Hugo Hoppe den Vorstand.
Ewald Hochholz tritt dagegen bereits 1945 aus dem Vorstand zurück. Mehr ...

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Beamten-Wohnungsbauverein Solingen eG
Tel.: 0212 - 4 30 20 • Fax: 0212 - 4 45 14
Beckmannstr. 70a • 42659 Solingen


Kaiserreich


Das erste Haus der Genossenschaft,
Wolfsfeld Nr. 14-18
(Baujahr 1912/13)


Wie bei allen Bauten der Genossenschaft
vor dem Ersten Weltkrieg zeichnet Architekt Otto
Christ auch für den Bau
der Häusergruppe Kanalstrasse 56 bis 64
(Baujahr 1913/14) verantwortlich, im
Vordergrund Gemüse-
gärten, die damals zu
jeder Wohnung gehörten.
(Aufnahme ca. 1920)


Mitvertrag für Wilhelm
Hütsch, den späteren
Stadtbaumeister und
Vorstandsvorsitzenden der
Genossenschaft, für eine
Wohnung im Haus
Wolfsfeld Nr. 38
(heute Nr.6) vom
1. April 1914

Weimarer Zeit


Scheinbar spurlos sind die
Zeiten an den beiden
Häusern Beckmannstr.87 /
Körnerstr. 41 (bis 1992
Sitz der Geschäftsstelle der
Genossenschaft)
vorübergegangen. Gegenüber der historischen
Aufnahme sind auf dem
Photo von 1997 nur wenige
Veränderungen wahrzunehmen.


Postkartenansicht der Hausgruppe Ecke
Beckmann-/Bülowstraße
(Baujahr 1925; Aufnahme
um 1930)

Nachkriegszeit


Von 1952 bis 1956
entsteht in Höhscheid die
Siedlung Rose. Blick in den
Nachtigallenweg


Der Text wurde dem Buch
„Gemeinsam Bauen und Wohnen", 100 Jahre
Solinger Wohnungs-
baugenossenschaften
entnommen.
Mit freundlicher Genehmigung des
Herausgebers Manfred
Krause/Solinger
Geschichtswerkstatt e.V.,
Hermann-Löns-Weg 102,
42697 Solingen,
Tel. 0212 – 224 21 12.
Das Buch –
ISBN 3-9805443-1-1
ist im Buchhandel oder
direkt von der Solinger
Geschichtswerkstatt zu
beziehen.

Beamten-Wohnungsbauverein Solingen eG | 2007